Kaum bekannt und bisher wenig geliebt, befindet sich mitten in Wien - eingebunden in die Industriearchitektur des Stadtteils Simmering - eine der bemerkenswertesten Renaissanceanlagen Europas.
Das "Neugebäude" - aus kunsthistorischer Sicht als Anlage des Manierismus, also der übergangszeit von der Renaissance zum Barock, zu bezeichnen - besteht im Wesentlichen aus sechs Bereichen:
Dem zentralen Hauptgebäude mit Nordterrassen, Haupthof und dem U-förmigen Ehrenhofgebäude.
Den Bauteilen um den so genannten Löwenhof, bestehend aus Ballspielhaus, Zwingergang, Stall- und Nebengebäude samt den begleitenden Mauerzügen.
Den oberen Garten, dessen Mauerzüge und Türme den Fasangarten und das so genannte Blumenparterre umschließen.
Den unteren Garten mit den heute nicht mehr bestehenden Mauern und dem vorgelagerten Weiher.
Das historische Meiereigebäude, heute außerhalb des Gesamtareals an der Neugebäudestraße gelegen.
Der umgebende Freiraum, das heißt die einstige Aulandschaft, die heute zwar weitestgehend verschwunden ist, aber doch einen integrierenden Bestandteil im Sinne der Authentizität des Gesamtkunstwerkes "Neugebäude" darstellt.
Seit 1909 steht das Neugebäude im Besitz der Stadt Wien und versank spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach dem Auszug des Rüstungskonzerns der Saurerwerke in einen oft zitierten "Dornröschenschlaf".
Bestenfalls kam dem Gebäude eine gewisse wissenschaftliche Bedeutung zu: Zahlreiche Dissertationen und Publikationen1 beschäftigten sich mit der spannenden Geschichte des Neugebäudes. Bemühungen um die Einbeziehung des Neugebäudes in die für 1995/96 geplante, aber bekanntlich nicht realisierte Weltausstellung in Wien und Budapest fanden mit zwei "wissenschaftlichen Gutachterverfahren" in den Jahren 1987/88 und 1988/89 ihren Höhepunkt. Diese Arbeiten, die von der damaligen EKAZENT Consult Ges.m.b.H., einem Vorgängerinstitut der heutigen BAI - Bauträger Austria Immobilien finanziert wurden, deckten erstmals die komplizierte Entstehungsgeschichte des Neugebäudes weitestgehend lückenlos auf2.
Aber alle diese wissenschaftlichen Arbeiten und zahlreiche Projekte verschiedener Bauträger und Architekten konnten das Neugebäude nicht aus seinem Schlaf erwecken.
Erst Dank der Gründung des "Vereines zur Erhaltung und Revitalisierung des Schlosses Neugebäude" im Herbst 2001 wurde die praktische Bestandssicherung und die gezielte Nutzungssuche erfolgreich eingeleitet. Mit der erstmaligen Öffnung der Schlossanlage für die breite Öffentlichkeit im Sommer 2002, konnte ein weiterer Schritt in die "richtige Richtung" gesetzt werden.
1) Im Besonderen sei hingewiesen auf: Ilg Albert, Das Neugebäude bei Wien. In: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses, 4, 1886. Knöbl Herbert, Das Wiener "Neugebäude" und seine baulichen Beziehungen zu den Anlagen in Schönbrunn, Diss. Universität Graz, 1978. Lietzmann Hilda, Das Neugebäude in Wien. Sultan Süleymans Zelt - Kaiser Maximilians II. Lustschloss, München-Berlin 1987
2) Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Gutachterverfahren wurden bedauerlicherweise mit Ausnahme der Artikel von Eva-Maria Höhle, Gerhard Seebach/Margit Schreiber sowie Gottfried Holzschuh, die im Ausstellungskatalog der Giulio Romano Ausstellung 1989 erschienen, nie publiziert.